Cannabis in der Neurologie und Psychiatrie

Shownotes

Diese Episode beleuchtet den Vortrag „Cannabis in der Neurologie und Psychiatrie“ von Prof. Dr. med. Philippe Pfeifer, welcher am PharmaKey.ch Frühlings-Symposium 2026 gehalten wurde. In der Episode werden die biologischen Grundlagen, die Schweizer Verschreibungspraxis sowie die wissenschaftliche Evidenz zu Cannabis diskutiert. Dabei wird aufgezeigt, dass Medizinalcannabis zwar bei neurologischen Diagnosen wie chronischen Schmerzen zielgerichtet helfen kann, in der Psychiatrie jedoch harte Daten fehlen und teilweise gravierende Risiken bestehen.

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00:00:09: Willkommen zu einer neuen Episode unseres Podcasts für die Apotheke.

00:00:14: Wir blicken heute erneut auf das diesjährige Pharmakie-Punkt CH Frühlings Symposium zurück!

00:00:20: Dort hat Professor Doktor Philipp Pfeiffer, leitender Arzt des Kompetenzzentrums Suchtpsychiatrie in Bern einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema Cannabis in der Neurologie und Psychiatrie gehalten.

00:00:33: Meine Kollegin Carla war für uns live vor Ort Carla, der gesellschaftliche Diskurs um Cannabis ist ja extrem geladen.

00:00:42: Wie hat Professor Pfeiffer seinen Vortrag begonnen?

00:00:54: Die

00:01:05: Hemmschwelle Cannabis zu konsumieren, ist in den letzten Jahren stark gesunken.

00:01:10: Hat sich diese Wahrnehmung auch wissenschaftlich bestätigt?

00:01:14: Absolut!

00:01:15: Und genau darin liegt eine große Diskrepanz die Professor Pfeiffer aufgezeigt hat.

00:01:20: Befragungen von Jugendlichen zeigen dass sie Cannabis heute als viel harmloser und weniger risikoreich einschätzen als noch vor zwanzig Jahren.

00:01:29: Die biologische Realität sieht jedoch genau umgekehrt aus.

00:01:33: Die Potenz, also der Gehalt des psychoaktiven Wirkstoffs THC in der Pflanze hat über die Jahre massiv zugenommen.

00:01:42: Objektiv gesehen birgt Cannabis heute ein deutlich höheres Risiko als im früheren Jahrzehnten.

00:01:48: In Ländern mit geöffneten Märkten sieht man folglich eine Zunahme von Jugendlichen in den Notaufnahmen aufgrund von Cannabisintoxikationen, weil hochpotente Produkte billiger und leichter verfügbar sind.

00:02:09: Professor Pfeiffer hat uns das Endokannabinoidsystem in Erinnerung gerufen.

00:02:14: Das ist ein phylogenetisch sehr altes System, dass im gesamten menschlichen Körper verbreitet ist.

00:02:20: Man muss sich das Endo-Kanabinoidesystem als ein reines regulatorisches System vorstellen welches die Aktivität anderer Neurotransmitter moduliert.

00:02:30: Im Normalzustand spüren wir dieses System nicht direkt.

00:02:34: Erst wenn wir dem Körper von außen Cannabinoide zuführen, wird das System überflutet und wir nehmen die typischen Effekte wahr.

00:02:43: Um das für die Beratung in der Apotheke präzise zu trennen, welche Inhaltsstoffe spielen medizinisch die Hauptrolle?

00:02:50: Grundsätzlich bezeichnet Cannabis die gesamte Pflanze während Cannabinnoide die Wirkstoffe sind, die auch synthetisch hergestellt sein können.

00:02:59: Die zwei medizinisch wichtigsten Phytokannabinoide sind das Tetrahydrokannabinol, kurz THC und das Cannabidiol – also CBD.

00:03:09: THC ist hochgradig psychoaktiv für das High-und die Euphorie verantwortlich und besitzt ein klares Abhängigkeitspotenzial.

00:03:19: CBD hingegen hat kein Abhängigkeitspotenzial und zeigt keine klassischen psychoaktiven Effekte.

00:03:26: Dennoch berichten viele Patienten, dass CBD sie spürbar beruhigt oder ihnen beim Einschlafen hilft.

00:03:32: Die Pflanze enthält zwar noch hunderte weitere Stoffe aber über deren Wirkung wissen wir bisher kaum etwas.

00:03:39: Ein großes Thema bei der Abgabe ist immer die Pharmakokinetik.

00:03:43: ein Joint flutet ja anders an als Tropfen.

00:03:46: Was gilt es hier pharmazeutisch zu beachten?

00:03:49: Das ist ein ganz zentraler Beratungspunkt in der Apotheke.

00:03:52: Professor Pfeiffer hat das pharmakokinetische Profil sehr anschaulich erklärt.

00:03:57: Beim Inhalieren, also dem klassischen Rauchen eines Joints flutet das THC innerhalb einer Stunde extrem schnell im Plasma an und erreicht sehr hohe Spitzenkonzentrationen.

00:04:09: Es wird danach aber auch rasch wieder abgebaut.

00:04:12: Genau dieser schnelle Abfall erzeugt es verlangen bald wieder nachzulegen.

00:04:17: Das begründet das hohe Suchtpotenzial der Inhalation.

00:04:20: Im Gegensatz dazu führt die orale Einnahme, beispielsweise als Öl oder Tinctur zu einer langsamen aber dafür schönen gleichmäßigen Wirkstoffverteilung über den ganzen Tag.

00:04:41: Genau im August, zwei Tausendzweiundzwanzig hat das Bundesamt für Gesundheit die Verschreibung von Cannabis-Arzneimitteln für Ärztinnen und Ärzte stark vereinfacht.

00:04:52: Die früher zwingend nötige aufwendige Ausnahmebewilligung pro Einzelfall ist weggefallen – der Arzt kann nun eigenverantwortlich über Indikation-, Präparat- und Dosierung entscheiden.

00:05:03: Das Bundesamt für Gesundheit listet lediglich qualifizierende Diagnosen auf, bei denen ein Einsatz empfohlen wird.

00:05:10: Chronische und neuropatische Schmerzen Spastik sowie Übelkeit und Appetitlosigkeit.

00:05:16: Und wie sieht es mit der Erstattung durch die Krankenkassen aus?

00:05:20: Das ist ja meistens das eigentliche Problem für die betroffenen Personen

00:05:24: Leider ja.

00:05:25: Professor Pfeiffer wies darauf hin, dass in der Schweiz nach wie vor nur ein einziges Cannabis-Präparat regulär von den Krankenkassen erstattet wird und das ist Satyvex bei Spastik infolge von Multiplasklerose.

00:05:38: Außerdem ist reines CBD in Form von Epidiolex bei schwerbehandelbaren Epilepsieformen vor allem im Kindesalter zugelassen.

00:05:47: Fast alles andere läuft im medizinischen Bereich über Magistralrezepturen, die die Patienten oft selbst zahlen müssen.

00:06:09: Hier musste der Referent die Erwartungen aufgrund der Datenlage leider massiv enttäuschen.

00:06:15: Er präsentierte eine große Metaanalyse aus dem Jahr two-tausend neunzehn, die ausschließlich randomisiert kontrollierte Studien zu Depressionen, Angststörungen, Tourette, ADHS und Psychosen untersucht hat.

00:06:29: Das Ergebnis war ernüchternd – für keines dieser psychiatrischen Krankheitsbilder gab es eine statistisch signifikante Verbesserung unter der Anwendung von Cannabis Weder bei Depressionen, noch bei posttraumatischen Belastungsstörungen oder ADHS lässt sich eine solide Wirksamkeit wissenschaftlich untermauern.

00:06:47: Das überrascht mich jetzt aber!

00:06:49: Woher kommt dann dieser gefühlte Hype im Alltag?

00:06:53: Professor Pfeiffer hat das methodische Problem hinter diesen Studien perfekt aufgeschlüsselt.

00:06:58: Wenn man sich die Dreiundzwanzig-Studien zur Depression im Detail anschaut sieht man dass diese fast nie an primär psychiatrisch erkrankten Patienten durchgeführt wurden.

00:07:08: Es waren fast durchwegs Studien mit Schmerzpatienten oder Multiplis-Klerose Betroffenen.

00:07:14: Die Forscher haben dann lediglich als sekundären Endpunkt erfasst, wie sich nebenbei die Angst oder die depressive Stimmung der Schmerzzienten verändert hat.

00:07:23: Zudem lief Cannabis in diesen Studien immer nur als Zusatzmedikation und es war völlig unklar welche regulären Antidepressiva die Patienten parallel einnahmen.

00:07:33: Die Studienqualität für reine psychiatrische Diagnosen ist somit schlichtweg schlecht.

00:07:39: Die einzige messbare Evidenz zeigt sich bei Angstsymptomen, die direkt durch chronische Schmerzen bedingt sind.

00:07:45: Ein riesiges Warnsignal in der Psychiatrie ist ja immer das Thema Psychose!

00:07:50: Wie ist hier der aktuelle Stand?

00:07:52: Es ist heute unbestritten dass insbesondere THC-reiches Cannabis psychotische Erkrankungen massiv verschlechtert und akute Psychosen direkt verursachen kann.

00:08:02: Das absolute Hauptrisiko trägt die Gruppe der jungen männlichen Adoleszenten.

00:08:08: Junge Männer im Alter der Gehirnentwicklung haben ein vierfach höheres Risiko, durch Cannabis-Konsum eine Abhängigkeit oder eine Psychose zu entwickeln.

00:08:17: In dieser Altersphase ist das Gehirnen extrem vulnerable.

00:08:21: Wie sieht es bei der Anwendung von Cannabis in der Neurologie aus?

00:08:26: In der Neurologie und Schmerzmedizin stehen wir auf soliderem Boden.

00:08:30: Wie gesagt, bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen und Spastiken ist der Einsatz als Zweit- oder Drittlinientherapie gut begründet.

00:08:40: Wichtig in der Apotheke ist das Wissen um die klaren Kontraindikationen.

00:08:44: Bei akuten Tumorschmerzen ist Cannabis nicht empfohlen – ebenso wenig bei Demenz.

00:08:50: In der Geriatrie wird Cannabis zwar manchmal zur Sedierung oder Beruhigung bei agitierten Demenzpatienten ausprobiert, aber Prof.

00:08:58: Pfeiffer warnte eindrücklich vor dem stark erhöhten Sturzrisiko das durch die Sedierung entstehen kann.

00:09:05: Welche weiteren Risiken und Nebenwirkungen müssen wir bei der Beratung zwingend ansprechen?

00:09:11: Neben gut tolerierbaren Akutsymptomen wie Mundtrockenheit, leichtem Schwindel oder Kopfschmerzen müssen wir drei schwerwiegende somatische und psychische Aspekte auf dem Schirm haben.

00:09:22: Erstens das Entzugssyndrom und die Toleranzentwicklung bei täglichem Konsum.

00:09:28: Zweitens durch die massiv gestiegene Potenz des modernen Cannabis weiß man heute dass regelmäßiger Konsum kardiovaskuläre Risiken Signifikant erhöht.

00:09:41: Und drittens, das Cannabis-induzierte Hyperemesis-Syndrom.

00:09:46: Das tritt bei chronischen Langzeitkonsumenten auf und führt zu zyklischem, heftigem Erbrechen und dauerhafter Übelkeit.

00:09:54: Das türkische ist, dass die Patienten diesen Zustand fast nie mit ihrem Cannabis in Verbindung bringen – und es von sich aus nicht erwähnen!

00:10:02: Zum Schluss noch ein klassisch pharmazeutisches Thema Interaktionen mit Cannabis.

00:10:08: Gibt es hier bereits gesicherte Daten?

00:10:11: Das ist ein Bereich, der laut Professor Pfeiffer klinisch hochrelevant ist.

00:10:15: Sich in der Forschung aber leider noch ganz am Anfang befindet.

00:10:20: Nachgewiesen sind bisher klare klinisch relevante Interaktionen von Cannabinoiden mit bestimmten Antidepressiva sowie mit gewissen oralen Blutgerinnungsmedikamenten.

00:10:32: Da medizinisches Cannabis immer häufiger verordnet wird, müssen wir dieses Interaktionspotenzial bei unseren Medikationschecks in Zukunft im Hinterkopf

00:10:42: haben.".

00:10:43: Fassen wir das Ganze zusammen!

00:10:45: Wie lautet dein Fazit nach diesem Vortrag?

00:10:48: Ganz nüchtern betrachtet, Cannabis ist kein risikofreies Allheilmittel.

00:10:53: Die Risiken steigen linear mit dem THC-Gehalt.

00:10:57: Gute Evidenz haben wir in der Neurologie für chronische neuropatische Schmerzen und Spastiken als Reservemedikation sowie für ausgewählte Schlafstörungen.

00:11:07: In der Psychiatrie fehlt für Depressionen oder ADHS die harte Evidenze.

00:11:13: Wenn psychiatrische Patienten aber absolut nicht auf Cannabis verzichten wollen, kann man sie gezielt auf reines CBD verweisen.

00:11:21: CBD hat kein Potenzial psychiatrische Erkrankungen zu verschlechtern – macht nicht abhängig und ist in dieser Hinsicht relativ harmlos.

00:11:29: Für uns in der Praxis zählen kritisches Vorab-Screening, der Fokus auf orale Applikationsformen und eine realistische Aufklärung der Patienten über die langsame Wirkung oraler

00:11:41: Zubereitungen.".

00:11:42: Vielen Dank, Carla!

00:11:44: Für diese hervorragende und äußerst praxisnahe Zusammenfassung.

00:11:48: An alle Zuhörerinnen und Zuhörer den vollständigen Vortrag finden Sie auf der Webseite von farmarki.ch im On-Demand-Angebot vom Frühlingssymposium in den letzten Jahren.

00:12:01: Am Frühlings Symposium – das im März, live zum Thema Kopf und Krise Facetten, neurologischer und psychischer Gesundheit stattgefunden hat wurden alle Vorträge aus dem Hauptprogramm aufgezeichnet und stehen on-demand zur Verfügung.

00:12:18: Ergänzend mit der dazugehörigen Lernkontrolle ist dieses Bildungsangebot mit fünfzig FPH-Punkten akkreditiert als Fortbildung für Offizienpharmazieh, Fähigkeitsausweis, FPHA, Anamnese in der Grundversorgung, Spitalpharma ziehe und klinische Pharmacie.

00:12:34: bis zum nächsten Mal!

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