Akute unerwünschte Arzneimittelreaktionen
Shownotes
Diese Episode vermittelt anhand von vier Praxisfällen, wie akute unerwünschte Arzneimittelreaktionen in der Apotheke erkannt und sicher beurteilt werden können. Thematisiert werden Paracetamol-Überdosierungen, gastrointestinale Blutungen unter Antikoagulanzien, medikamentös induzierte Krampfanfälle sowie Statin-assoziierte Myopathien. Neben den zugrunde liegenden Pathomechanismen und typischen Warnsignalen steht insbesondere die Rolle der Apotheke bei der frühzeitigen Erkennung, Risikoeinschätzung und dem sicheren Management dieser klinisch relevanten Situationen im Fokus.
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00:00:09: Willkommen zu einer neuen Episode unseres Podcasts für Apotheker und Apothekarinnen.
00:00:15: Unser heutiges Thema lautet akute unerwünschte Arzneimittelreaktionen.
00:00:21: Ich bin Carla, Apothekerin in der wissenschaftlichen Fachredaktion der Online-Academy.
00:00:26: Mir gegenüber sitzt Helmut – er hat vier Praxisfälle zum Thema unerwünschte Arzneimittelreaktionen redaktionell betreut und inhaltlich geprüft.
00:00:36: Sie sind Anfang Juli für den neuen Lernszenario Praxisfälle aus der Apotheke wird das Fortbildungsangebot der Online Academy um ein praxisnahes Lernformat erweitert.
00:00:51: Die Autorin der Praxis Fälle ist Dr.
00:00:53: Regina Krattinger, Selbstapothekerin und klinische Pharmakologin.
00:00:58: Helmut was ist das erste Thema dass in den Praxisfällen beleuchtet wird?
00:01:03: Der erste Praxisfall beschreibt eine klassische aber unbeabsichtigte Paracetamolüberdosierung.
00:01:10: Ein dreißigjähriger Mann hat eine fiebrige Erkältung und nimmt über Nacht- und am folgenden Morgen unbedacht Paracetamultabletten sowie kombinierte Präparate gegen Kopfschmerzen und Erkeltungen ebenfalls mit Paracethamul ein.
00:01:25: Er kumulierte so völlig unbewusst eine massive Überdosis, er wird mit starkem Erbrechen, Blässe und Schwitzen hospitalisiert.
00:01:33: Paracetamol wird von Kunden und Kundinnen leider oft als harmlos unterschätzt oder in Kombinationspräparaten übersehen.
00:01:41: Was passiert da genau in den Leberzellen bei so einer extremen Dosis?
00:01:46: Medikamentös induzierte Leberschäden können auf verschiedene Arten entstehen.
00:01:51: Paracethamol ist ein direktes Hepatotoxin, das heißt die Schädigung ist strikt dosisabhängig und vorhersehbar.
00:01:59: Ein kleiner Teil des Paracetamols wird über das Enzym ZYP-II E I in den hochreaktiven Metaboliten NAPKI umgewandelt.
00:02:08: Normalerweise fängt das in der Leber vorhandene Glutation dieses NAPKI ab und inaktiviert es zuverlässig.
00:02:16: Bei einer massiven Überdosierung sind die Glutatioen Speicher der Leiber jedoch rasch erschöpft.
00:02:22: Das hochgiftige NAPki bindet dann kovalent an Leberproteine, was zum Zelltod führt.
00:02:28: Das klingt nach einem rapiden Zelluntergang.
00:02:30: Gibt es da einen typischen zeitlichen Ablauf, wie sich so ein Leberversagen bei betroffenen Personen bemerkbar macht?
00:02:37: Der Verlauf ist äußerst trügerisch und lässt sich in drei Phasen einteilen.
00:02:43: In Phase eins also am ersten Tag zeigen sich meist nur unspezifische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen und Blässe.
00:02:52: Am zweiten Tag der Phase zwei kommt es oft paradoxerweise zu einer subjektiven Besserung des Befindens, aber im Blut steigen bestimmte Leberwerte bereits gefährlich an.
00:03:03: Ab dem dritten Tag der Phase III manifestiert sich das akute Leberversagen.
00:03:09: Dann sehen wir extrem hohe Transaminasenwerte, Hypoglykemi, einen Anstieg der INR und oft ein akutes Nierenversagen oder Leberkoma was unbehandelt zum Tod führt.
00:03:21: Ein wirklich trügerischer Verlauf.
00:03:24: Welches Thema wird im zweiten Praxisfall näher betrachtet?
00:03:27: Im zweiten Praxisfall geht es um gastrointestinale Blutungen.
00:03:32: Der Fall beschreibt Herrn Grob einen siebzigjährigen Stammkunden, der blass und unsicher in die Apotheke kommt.
00:03:39: Er verlangt Ibuprophäen gegen starke Rückenschmerzen das er bereits seit einigen Tagen einnehme.
00:03:45: Auf Nachfrage berichtet er von großer Müdigkeit und einem sehr dunklen Stuhlgang am Morgen.
00:03:51: Ein Blick in sein Kundendossier zeigt, dass er schon seit längerer Zeit mit Riva Roxa-Bahn therapiert wird.
00:03:58: Ein dunkler Stuhlgang unter einem Anticoagulans und einem NSAR klingt nach einem deutlichen Alarmsignal.
00:04:05: Wie genau greifen diese beiden Wirkstoffe pathophysiologisch ineinander?
00:04:10: Und was bedeutet diese Dunkelfärbung?
00:04:13: Es ist tatsächlich eine gefährliche Kombination.
00:04:16: NSAR wie Ibuprofen schädigen die Mucosa direkt als schwache Säuren und indirekt, indem sie die Prostaglandiensynthese über die Hemmung der cyclooxygenase I reduzieren.
00:04:28: Riva-Roxaban wiederum greift in die Gerinnungskaskade ein und hemmt direkt den Faktor XA.
00:04:35: Werden diese Wirkstoffgruppen kombiniert steigt das Blutungsrisiko massiv an.
00:04:41: Der dunkle Teerstuhl entsteht, wenn Blut im Magen durch die Magensäure in schwarzes Hematin umgewandelt wird – was auf eine obere GI-Blutung hindeuten kann.
00:04:50: Auch eine bakterielle Zersetzung im Darm kann die dunkle Farbe verursachen.
00:05:03: Herr Grob wurde bei Verdacht auf eine GI-Blutung sofort ins Spital überwiesen, wo ein blutendes Magenulkus diagnostiziert wurde.
00:05:12: Die Sterblichkeitsrate bei solchen Blutungen liegt immerhin bei fünf bis zehn Prozent.
00:05:17: Die essentielle Botschaft für die Apotheke lautet – Bei der Abgabe von NSAR muss an einen Magenschutz also einen Protonenpumpeninhibitor gedacht werden wenn weitere blutungsfördernde Medikamente eingenommen werden oder klinische Risikofaktoren vorliegen.
00:05:34: Längere NSAR-Therapien sollten bei älteren Personen unter oraler Anticoagulation gänzlich vermieden werden.
00:05:42: Hier ist Paracetamol die bessere Alternative.
00:05:46: Sobald Warnzeichen wie Teerstuhl, kaffeesatzartiges Bluterbrechen, Schwindel und unerklärliche Blesse auftreten müssen wir die Betroffenen direkt in den Notfall verweisen!
00:05:57: Sehr verständlich zusammengefasst.
00:05:58: Vielen Dank Helmut!
00:06:00: Welches Thema wird im dritten Praxisfall beleuchtet?
00:06:03: Geht es da wieder um ein anderes Organsystem?
00:06:06: Ja, wir wechseln zum zentralen Nervensystem.
00:06:09: Es geht um medikamentös induzierte epileptische Anfälle.
00:06:13: Medikamentöse-induzierte Anfällen haben zwar nur eine Inzidenz von Nullkommanul acht bis eins Komma sieben Prozent können aber lebensbedrohlich sein.
00:06:22: In unserem Praxisfall bricht ein achtzigjähriger Mann vor der Apotheke mit einem generalisierten tonisch-klonischen Krampfanfall zusammen.
00:06:31: Er hat zwei Tage zuvor Ziprofloxazin bezogen und nimmt schon seit längerer Zeit Dramadol, die Kluffenack wegen seiner Rückenschmerzen
00:06:42: ein.
00:06:42: Das ist das
00:06:53: zentrale Problem.
00:06:54: Fluorchinolone wie Ziprofloxazin antagonisieren den Rezeptor der Gamma-Aminobuttersäure, kurz GABA.
00:07:02: GABA ist ein wichtiger hemmender Neurotransmitter im Gehirn.
00:07:06: Wird dieser Rezeptur blockiert steigt die neuronale Erregbarkeit drastisch an.
00:07:11: Zusätzlich verstärken fluorchinoline die aktivierenden Ströme der NMDA-Rezeptoren.
00:07:17: Die gleichzeitigige Gabe von NSAR wie die Kluffenack kann diese konvulsive Wirkung von Fluorchinolonen über eine Modulation der Gaberärgenströme noch weiter eskalieren lassen.
00:07:29: Hinzu kommt, dass auch das Tramadol die Krampfschwelle senkt!
00:07:33: Bei unserem achtzigjährigen Mann wurde im Spital zudem eine mittelschwere Niereninsuffizienz festgestellt was zusätzlich zu erhöhten Ziprofloxazinspiegeln geführt hatte.
00:07:44: Ein eindrückliches Beispiel für die Wichtigkeit der Interaktionskontrolle.
00:07:49: Kommen wir zum vierten und letzten Praxisfall, was war da der Schwerpunkt?
00:07:59: Er hat einen Monat zuvor eine Therapie mit Atorvastatin gestartet.
00:08:16: Als weitere Dauermedikation nimmt er unter anderem Vera-Pamil und Fennprokumon ein.
00:08:23: Der Hausarzt stellt im Labor einen massiv erhöhten Wert der Kreatinkinase fest.
00:08:41: Vera-Pamil ist ein potenter Inhibitor des Enzyms Zyp-IIIA IV und des Transporters OATPE IB I. OATP I B I ist dafür zuständig, Statine aus dem Blut in die Leberzellen aufzunehmen während Zypt III A IV sie metabolisiert.
00:09:01: Durch Vera- Pamil wird beides gehemmt was die Atorvaster-Tin-Plasmaspiegel in die Höhe treibt und das Risiko für eine Myopathie stark erhöht.
00:09:10: Die gefürchtete Form ist die Rhabdomyolyse, bei der geschädigte Muskelzellen zerfallen und ihren Inhalt wie Kreatinkinase- und Myoglobin ins Blut abgeben.
00:09:21: Die Leitsymptome hierfür sind Muskelschmerzen, symmetrische Muskelschwäche und ein rötlich braun verfärbter Urin.
00:09:29: Gefährlich ist das vor allem weil hohe Konzentrationen von freigesetzten Myoglobinen denieren massiv schädigen können!
00:09:36: Sind alle Muskelschmerzen unter Statinen gleich eine Rapdomiolüse oder überhaupt ursächlich auf das Medikament zurückzuführen?
00:09:44: Viele Kundinnen und Kunden haben ja große Angst davor.
00:09:48: Nein, absolut nicht!
00:09:50: Tatsächlich belegt eine große Meteranalyse dass weniger als zehn Prozent der unter Stadt-Intherapie auftretenden Muskelsymptome ursätzlich auf das Statin zurückzuführen sind.
00:10:01: Der Nocebo-Effekt spielt durch die stark negative Erwartungshaltung der Betroffenen eine gewaltige Rolle.
00:10:08: Insbesondere nach dem ersten Behandlungsjahr sinkt das Risiko für echte Myopathien.
00:10:13: Es ist jedoch zwingend notwendig, bei jeglichen Beschwerden den Kreatinkinasewert zu bestimmen.
00:10:19: Sind die Kreatinkinasewerte massiv erhöht oder treten Fieber und dunkler Urin auf muss das Statin sofort gestoppt werden.
00:10:26: Bei leicht erhöhten Kreatinkinasewerten muss nicht zwingend sofort abgebrochen werden.
00:10:32: Wie ging es mit dem seventy-jährigen Kunden weiter?
00:10:36: Statine sind in der Prävention extrem wichtig, man kann sie bei kardiovaskulären Risikopatienten ja nicht einfach für immer weglassen.
00:10:44: Völlig richtig!
00:10:45: Man darf die Therapie nicht vorschnell endgültig abbrechen, denn der kardiovaskuläre Nutzen der Statine in der Prävention von Herzinfarkten und Schlaganfällen ist unbestritten und extrem gut belegt.
00:10:58: Nachdem die Erkrankung bei dem Kunden unter klinischer Überwachung vollständig abgeklungen war und eine gefährliche immunvermittelte nekrotisierende Myopathie ausgeschlossen wurde hat man die Interaktion eliminiert.
00:11:11: Vera Pamil wurde durch Dil Tiazem ersetzt Welches OATPE-I, B I nicht hemmt.
00:11:18: Dann wurde ein neuer Versuch mit einer niedrigen Dosis Rosuvastatin von fünf Milligramm gestartet.
00:11:26: Rosuvastatin ist hydrophil und penetriert schlechter in die Muskelzellen – außerdem wird es kaum über Zyp III A IV Verstoff wechseln.
00:11:35: Helmut!
00:11:36: Das war eine sehr interessante Zusammenfassung der Praxisfälle.
00:11:40: Ich danke dir für diese präzisen Einblicke An alle Zuhörerinnen und Zuhörer.
00:11:45: Die vier Praxisfälle zum Thema akute, unerwünschte Arzneimittelreaktionen finden Sie wie gewohnt auf der Webseite von Online Academy.
00:11:54: Dieses Bildungsangebot ist mit zwölf Komma fünf FPHA-Punkten akkreditiert als Fortbildung für Offizienfarmerzieh, Spitalfarmer ziehe und klinische Farmer zieh – bis zum nächsten Mal!
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